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Cricket – einzigartige Perspektive

Kann sich eine Milliarde Menschen für einen komplizierten, langweiligen und zeitaufwändigen Sport begeistern ? Yes, they can!

oder

So langweilig wie Elfmeterschiessen!

von

Hans Blaschke

Zuletzt im März und April 2011 fand in Indien, Bangladesh, und Sri Lanka die Weltmeisterschaft statt in einer Sportart, die von der Zahl ihrer Spieler und Anhänger vermutlich eine der populärsten der Welt ist, Cricket. Aufgrund seiner Beliebtheit auf dem indischen Subkontinent,  in Australien, dem südlichen Afrika, und natürlich im Cricket Mutterland England  nahm sicher nahezu eine Milliarde Menschen regen Anteil an den Spielen und fieberte dem Finale zwischen den Co-Gastgebern Sri Lanka und Indien entgegen, das Indien schließlich nach einem ausgeglichenen Spiel gewann. Dafür gab und gibt  es gute Gründe und leider gibt es viele schlechte Gründe, warum das bei uns keinen interessiert. Räumen wir also ein bisschen auf mit einigen der hierzulande liebgewordenen Vorurteile.

Vorurteil 1:

Cricket ist zu kompliziert und für Nichtengländer eigentlich nicht zu verstehen!

Der Hinweis auf die  Popularität von Cricket in Asien und  Afrika, also Weltgegenden mit vergleichsweise niedriger Alphabetisierung sollte als Widerlegung eigentlich genügen. Aber urteilen Sie selbst: Eine Cricketmannschaft hat 11 Spieler. Während eines Spiels ist jede Mannschaft mindestens einmal am Schlag, d.h.  jeder ihrer Spieler versucht,  solange er keinen entscheidenden Fehler begeht,  durch geschicktes Schlagen eines ihm entgegen geschleuderten Balls Zeit zu gewinnen, um mit seinem Partner auf der Spielbahn hin- und her zu rennen und damit „runs“ zu erzielen,. Macht er einen Fehler muss er das Spielfeld verlassen (er ist „out“) und einer seiner Mitspieler ersetzt ihn. Wenn alle 11 Spieler von Mannschaft A geschlagen haben, kommt Mannschaft B, die bisher geworfen hat, zum Schlag und muss versuchen, die Zahl der „runs“ von Mannschaft A zu übertreffen. Was ist daran kompliziert?

Zugegeben, bei genauerem Hinsehen gibt es über den einfachen Spielgedanken hinaus eine Reihe von Feinheiten, die sich dem Neuling nicht sofort erschließen. Aber bei welcher Sportart ist das nicht der Fall?  Die Abseitsregel im Fussball oder die sich jährlich ändernden Bestimmungen in der   Formel 1 sind auch nichts, was dem unbedarften Betrachter unmittelbar einleuchtet und die trotzdem den Spass am Zuschauen nicht mindern.

Vorurteil 2:

Cricket ist langweilig!

Das stimmt für jeden, der auch ein Elfmeterschiessen beim Fussball langweilig findet. Beim Cricketspiel, besonders in der Variante, in der der Worldcup ausgetragen wird, wirft alle 45-60 Sekunden ein Werfer ( Bowler) den Ball in Richtung eines Schlagmanns (Batsman). Das kann entweder das Aus für den Batsman bedeuten oder dessen Chance bis zu sechs Punkte ( Runs) für seine Mannschaft zu erzielen. Darin ist der Spielgedanke dem Baseball verwandt, mit den wichtigen Unterschieden, dass der Werfer so viel Anlauf nehmen kann wie er will und auch den Ball als Aufsetzer spielen kann und der Schlagmann die Wahl hat ob er den Ball spielt und läuft oder nicht, alles Dinge, die im Baseball verboten sind.

Zugegeben es hat noch nie ein Elfmeterschiessen gegeben das 297 zu 300 ausgegangen wäre, wie das Vorrundenspiel der WM 2011,  Indien gegen Südafrika, und vielleicht wäre ein solches Elfmeterschiessen auch langweilig, aber wenn man weiss, dass der südafrikanische Schlagmann, beim Stand von 296 zu 297 gegen sich, auf gar keinen Fall einen Fehler begehen durfte und aus noch drei verbliebenen Bällen auf jeden Fall zwei Punkte erzielen musste, um siegreich zu sein, kann man sich vorstellen, dass sein Vierer einer halben Milliarde Inder dem Herzinfarkt näher brachte und einigen Millionen Südafrikaner, darunter vermutlich auch Nelson Mandela, die Freudentränen über die Backen rollen ließ.

Vorurteil 3:

Cricket ist der Sport englischer Gentlemen!

Sicher wird auch eine ganze Reihe Angehöriger der englischen Aristokratie das Cricketspiel lieben und praktizieren, aber das ändert genauso wenig an der Tatsache, dass Cricket auch in England ein absoluter Volkssport ist, wie der Fakt, dass Papa Bierhoff  Vorstandsmitglied von RWE war, aus dem deutschen Fussball einen Gentlemen Sport macht. Manche nehmen auch den Umstand, dass -in der Vergangenheit häufiger als heutzutage- die Cricketspieler meist in weiss gekleidet waren, als Beleg für die Gentlemännlichkeit. Sie übersehen dabei, dass vor der Erfindung von sportlicher Funktionskleidung weiss die Farbe war, die beim Aufenthalt in der Sonne den besten Schutz bot und Cricket kann nun mal nur bei guten Wetter (bei Regen oder schlechten Sichtverhältnissen wäre es zu gefährlich für die Batsmen) gespielt werden, weshalb die Engländer es auch „the summer game“ nennen. Historisch gesehen ist an dem Vorurteil aber zumindest ein bisschen was richtig. Cricket ist ein vergleichsweise „alter“ Sport und weil – wir kommen gleich dazu – Cricketspiele schon mal etwas länger dauern, konnte er in der Vergangenheit nur von Leuten betrieben werden, die es sich leisten konnten, soviel Zeit zu opfern. Sie waren entweder reich genug und mussten nicht arbeiten oder sie waren Profispieler. Letztere gibt es deshalb auch im Cricket schon seit ca. 200 Jahren. Bis zum Jahr 1962 gab es daher auch ein quasi England internes Länderspiel auf höchstem Niveau: Gentlemen vs. Players also Amateure gegen Profis, wobei man wissen muss, dass die Gentlemen, von wenigen legendären Ausnahmen im 19. Jhd.   abgesehen, meist unterlegen waren.

Vorurteil 4:

Cricketspiele dauern endlos lange!

Dies ist eine Variante von Vorurteil 2, was es nicht weniger falsch macht. Cricketspiele werden grundsätzlich auf zwei Arten begrenzt: Entweder über die Vereinbarung der Dauer oder über die Vereinbarung bzgl. der gespielten Bälle. Letzteres ist der Fall z.B. bei der besagten Weltmeisterschaft. Da werden pro Team 50 over (zu sechs Bällen), also maximal 300 Bälle gespielt, es sei denn es gibt schon vorher einen Sieger, was jederzeit passieren kann, weswegen es wichtig ist, keinen der Bälle zu verpassen. Ein solches „limited over“ oder „One Day International (ODI)“ Spiel dauert durchaus einige Stunden, aber mir wäre nicht bekannt, dass Beschäftigungen, die Spass machen, plötzlich dadurch fade werden, dass es mal ein bisschen länger dauert. Wenn Sie es nicht glauben, fragen sie die Zuschauer von einigen Klitschko Kämpfen oder Ihre Frau.

Zugegeben es gibt auch Cricketspiele, die auf fünf Tage angesetzt sind. Aber auch für die gilt, dass sich alle 45-60 Sekunden etwas Entscheidendes tun kann, was dann unter Umständen dazu führt, dass das Spiel schon nach drei oder vier Tagen zu Ende ist. Solche Spiele  sind in der Regel Länderspiele zwischen den führenden 10 Cricket Nationen, sogenannte „test matches“ , bei denen beide Mannschaften je zweimal (mit allen 11 Spielern) zum Schlag kommen. Je gleichwertiger die Mannschaften und je besser die Platzverhältnisse sind, um so länger dauert dann das Spiel, ist aber auch umso spannender.

Vorurteil 5:

Was ist das für ein Wettkampf, bei dem es einen „lunch break“ und eine Teepause gibt ? Merkwürdigerweise kommt solch ein Urteil auch von Leuten, die es mitnichten eigenartig finden, dass bei einem Tennis Spiel sportliche junge Menschen bei jedem Seitenwechsel für eine Minute auf einer Parkbank niedersinken, um sich mit diversen Softdrinks zu stärken, oder das Fussballer nach nur 45 Minuten Spiel zum Pausentee in den Stadionkatakomben verschwinden. Da ein Cricketspiel also schon mal gerne 6 bis 8 Stunden dauern kann, bzw. auch fünf Tage lang jeweils gut acht Stunden täglich, erklärt es sich von selbst, dass die Spieler (und die Zuschauer) zwischendurch etwas zu sich nehmen müssen. Der „lunch break“ ist also eine 40 minütige Mittagspause (meist nach ca. 2,5 Stunden Spielzeit) und eine Teepause von 20 Minuten folgt im Laufe des Nachmittags. Diese Teepause hat nichts mit dem hier immer gerne angeführten „Five O’ Clock -Tea“ zu tun, sondern dient schlicht und einfach der Flüssigkeits- und Nahrungsaufnahme während eines schweisstreibenden Spiels.

Vorurteil 6:

Da passiert ja gar nichts. Die stehen da immer nur rum!

Eine weitere Variante von Vorurteil 2, und genauso falsch. Ein Cricket Team besteht aus 11 Spielern, die sich im Feld, einem Oval von ca. 80m bis 120m Durchmesser, verteilen wenn ihre Mannschaft am Wurf ist. Einer von ihnen schleudert den Ball möglichst geschickt und möglichst gemein auf den Schlagmann der Gegner und gruppiert seine Leute so im Feld, dass sie einen geschlagenen Ball so schnell wie irgend möglich zurück zur Spielbahn in der Mitte des Feldes bringen/werfen können. Dabei müssen die Feldspieler permanent in Bewegung sein und dürfen weder ihren Bowler noch den Schläger aus den Augen lassen. Das Ziel ist, dem Schläger keine Zeit zu geben um von einem Ende der Spielbahn zum anderen Ende zu laufen und dadurch Punkte für sein Team zu sammeln. Das kann man zwar nie  komplett verhindern, aber ich versichere ihnen, der Versuch alleine  schlaucht genug. Da alle sechs Bälle der Bowler wechselt und das Ende der Spielbahn von der aus geworfen wird, muss sich das Feld auch jeweils neu sortieren, was die Feldspieler ebenfalls auf Trab hält. Da immer zwei Schläger, je einer an jedem Ende der Spielbahn, auf dem Platz sind, kommt auch dadurch Bewegung ins Feld wenn abwechselnd ein Rechtshänder oder ein Linkshänder am Schlag ist. Je nachdem muss sich das Feld immer neu sortieren. Das klingt jetzt vielleicht kompliziert ist es aber nicht wirklich wie wir bei Vorurteil 1 gesehen haben.

Vorurteil 7:

Cricket ist eine Sportart, die sich besonders durch Fairness auszeichnet!

Stimmt! Als Adjektiv (Eigenschaftswort)  wird „cricket“ deshalb auch gelegentlich als Synonym für „fair“ gebraucht. „This is not cricket“ bedeutet also sinngemäß, „das ist nicht fair“ oder „das gehört sich nicht“.

Vorurteil 8:

Beim Cricket gibt es keine Ausschreitungen, auch in England nicht!

Stimmt! Das erstaunt um so mehr, wenn man bedenkt, das in England speziell während eines Länderspiels geradezu unglaubliche Mengen von Alkohol von den Zuschauern konsumiert werden.

Vorurteil 9:

Cricket Schiedsrichter sehen aus wie englische Milchmänner!

Stimmt! Mit ihren weissen Kitteln sehen sie wirklich ein bisschen so aus. Allerdings sind Cricket Schiedsrichter („umpire“) trotz ihrer traditionellen Gewandung um einiges moderner als z.B. ihre Berufskollegen im Fussball. So gibt es im Cricket schon seit Jahren den Videobeweis, der bei Zweifelsfällen durch einen Platzschiedsrichter oder auf Bitte eines Spielers ad hoc herangezogen wird.

Vorurteil 10:

Cricketspieler dürfen den Schiedsrichter anbrüllen!

Stimmt! Jeder Feldspieler, besonders aber der jeweilige Bowler kann, wenn er der Ansicht ist, dass der Batsman einen Fehler begangen hat, vom Schiedsrichter eine entsprechende Entscheidung verlangen. Das macht er in dem er lauthals losbrüllt : „Howzat !?!“. Die Kurzform der Frage: „How was that?“, Wie war das ? Hebt der Schiedsrichter dann den Zeigefinger der rechten Hand, muss der Batsman gehen, er ist „out“!

Noch eine Bitte zum Schluss:

Wenn Sie je Gelegenheit haben, ein Cricket Match zu sehen, nehmen Sie sich die Zeit und löchern Sie bei Bedarf einen kundigen Zuschauer und Sie werden überrascht sein, wie spannend und kurzweilig ein „lazy Sunday afternoon“ vergehen kann.

—————————————————————————————————————————————————-Hans

Hans ist ein großer Cricket-Liebhaber. Er war Mitglied der FCC und ist immer noch ein großer Unterstützer des Vereins.

Contact: Herr Hans Blaschke; hblaschke@web.de